Samstag, 16. April 2016

Patan Museum, Kathmandu




Patan Museum, Eingang mit den Löwen Singaraja und Singarani

Das Patan Museum im Süden von Kathmandu (Patan, Lalitpur) beeindruckt die Besucher mit einer Vielfalt  ausgestellter Skulpturen religiöser Art und anderer historischen Gegenstände. Das Museum ist im Jahre 1977 durch fachliche und finanzielle Hilfe aus Österreich eröffnet worden. Das Gebäude wurde im 18. Jahrhundert erbaut.

Ich besuchte das Museum mehrfach. Nicht nur, weil ein kulturell solch reiches Museum wohl in der Welt kaum noch einmal zu finden ist, sondern weil ich nie ausrechnen konnte, wann genau die Beleuchtung ausging. Die Besucher standen oft  vor den wunderbaren Skulpturen, da wurde aber kein Strom mehr geliefert, alle Vitrinen und Korridore blieben im Dunkeln. Ob es dann am selben Tag noch einmal Strom gab, konnte man nie wissen. In ganz Kathmandu, auch im Hotel, in dem ich wohnte, war ich an 2x2 Stunden Strom am Tag gewöhnt.

Über die Geschichte und ausgestellten Gegenstände erschien ein hervorragender Katalog in englischer Sprache: ISBN 99933-203-1-5 – Patan Museum Guide.

Hier könnt Ihr eine subjektive Auswahl der im Museum aufgenommenen Fotos betrachten:

Holzschnitzerei im Erdgeschoss

                                                            
Bhrikuti



Bhrikuti oder Gelbe Tara, Göttin des Mitgefühls.
Sie gehört als Bodhisattva zur Buddha Familie von Amithaba und wird meistens mit vier Armen dargestellt. Holz, 17.-18. Jahrhundert, 85 cm
















Vehikel von Ganesha, eine Ratte, Bronze
    
Viele Hindu Götter und Göttinnen besitzen ein sog. Reittier oder Krafttier. Ganesha, Sohn von Shiva und Parvati ist ein Gott
des Glücks und der Beseitiger aller Hindernisse. Er ist einer der bleibtesten und populärsten Götter der Hindus. 
Sein Krafttier (Reittier) ist eine Ratte.






Ganesha

Shiva und Parvati, 18. Jahrhundert, Nepal, Kupfer



















Die Träume des  Museumswächters

















Maitreya, Buddha der Zukunft, Tibet, 17. Jahrhundert
Adinatha, Rajasthan?, 1593






Adinatha war ein Heiliger in der Jain Religion.
Der Jainismus ist etwa in derselben Zeit entstanden, wie der Buddhismus.













Chakras (Kraftzentren im Körper)
Chakren, die den Kopf mit dem Universum verbinden
Im alten Hinduismus kannte man nicht nur sieben Kraftzentren im Körper, sondern auch außerkörperliche Zentren, die den Menschen mit dem Kosmos verbinden



Manjushri, Bodhisattva der Weisheit, Bronze 


Manjushri ist einer meiner Lieblingsbodhisattvas. Seine Weisheit basiert nicht auf lexikalischem Wissen, sondern auf einem transzendentalen, tiefen Wissen, das das mitfühlende menschliche Herz mit der globalen Weisheit des Universums verbindet.












Bedeutung von einigen Mudras




Mudras sind Handhaltungen mit Symbolik, die man bei Hindu und tibetischen Skulpturen beobachten kann.






Vishnu mit Garuda, Nepal. 17.-18. Jh., Kupfer






















Amoghasiddhi, einer der Adibuddhas, Tibet, 17.-18. Jh.















Im Volksglauben ist Amoghasiddhi der unfehlbarer Erfolgsbringer. Als Adibuddha steht er für die vollkommene Weisheit.







Dipankara, Nepal, 17.-18. Jh., Bronze
Vajrasattva und Prajna, Nepal, 1859, Kupfer


























Ein Blick auf den Museumsplatz:

 
In Verbundenheit












Samstag, 8. August 2015

Das Volk der Kirati


Eine Kirati Familie

Das Volk der Kirati

Während meiner Studienreisen in Nepal lernte ich eine große Familie kennen, die zum Volk der Kirati gehört. Der Familienvater Mohan Rai, der vor einigen Jahren das "Shamanic Research and Studies Institute" in Kathmandu gegründet hatte, erzählte mir fachkundig über die Kultur und Religion seines Volkes. 

Mohan Rai


 Das Volk der Kirati ist ein in Bhutan, Sikkim, Darjeeling und Nepal seit langer Zeit einheimisches Volk, das im Altertum möglicherweise aus Burma nach Norden wanderte und seine neue Heimat fand. Unter ihnen gibt es die Volksgruppierungen der Rai, der Limbu, der Sunuwar, der Dhimal und der Yakkha.

Ihr Glaube gehört zu den animistischen Religionen. Sie verehren Naturgeister,  Naturwesenheiten, Naturgötter. Ihr Glaube heißt Mundhum (Baumwurzel). Die Kirati haben keine Kirchen, dafür aber befinden sich in jedem Haus gepflegte Stellen für Zeremonien und Opfergaben, sowie Ahnenhäuschen mit einer speziellen Feuerstelle. Die Natur selbst bedeutet für sie die „Kirche“.
Sie verehren die Flüsse, die Berge, die Wälder, alle Pflanzen und Tiere, Menschen und Geister, Götter und Wesenheiten, das heißt alle Kräfte des Universums.


Ihre Naturgötter und Wesenheiten

Der Altar im Institut für Schamanische Forschung und Studien

Große Wesenheiten und Götter (meistens als Paar) sind im Kirati Glauben zu den Himmelsrichtungen zugeordnet.

Norden:
Sumnima, weiblich (Erdkraft) und Paruhang, männlich (Himmelskraft)

im Osten:
Honkusumpa oder Sokupa der Urschamane oder Bonjhankri und Lemlema, die Urhexe

im Süden:
Mehdani (oder Kali, weiblich) und Mehhang (oder Bhairab, männlich)

im Westen:
Koklihangma oder Patajongma (oder Jungali,weiblich) und Apturihang (oder Shikari, männlich).

Honkusumpa der Urschamane

Die Kirati glauben, dass es zu Urzeiten wilde und böse Götter-Geschwister gab: Simma, Namdo Lengma, Satajhongma, Rontccha, Penchhama, Malekuma, Soyongma und Kolendima, wobei Simma später zu Lemlema (Urhexe) reinkarniert haben soll. Insgesamt sind es also nur sieben.
Namdo Lengma soll gierig und eifersüchitg gewesen sein, Satajhongma soll die Wasserquellen verstopft haben, Rontchha riss die Pflanzen und Blumen aus der Erde, Malekuma zerstörte die Umgebung mit Feuer, Soyongma brachte Krankheiten und Kolendima fraß die Tiere auf.

Später verwandelten sich diese bösen Hexengeschwister durch Sumnimas und Paruhangs Eingreifen in lichtvolle und gute Wesen. Sie erhielten von Sumnima und Paruhang die Aufgabe, alles Zerstörte wieder zum Leben zu erwecken und/oder zu heilen. Die Schwestern haben nach ihrer  Läuterung einen Sammelnamen erhalten: Saptenhangma. Man führt bei den Kirati jährlich einmal im März eine Zeremonie durch, um die Kraft der Saptenhangma als weibliche Heilkraft zu ehren und für die Gemeinschaft zu aktivieren.

Die Hexen heißen Kuniyama (Bokshi).
Die Glaubenslehre der Kirati vermischte sich mehr und mehr mit der bön, buddhistischen und hinduistischen Religionen. Insbesondere in Nepal werden Feste von verschiedenen Religionen häufig gemeinsam gefeiert. Die Buddhisten feiern mit den Hindus mit und umgekehrt, die Kirati feiern die eigenen, die hinduistischen und buddhistischen Feste mit.

Dementsprechend unterscheiden auch die Kirati vier geistige „Essenzen“ (laut Mohan Rai, Leiter des Instituts „Shamanic Research and Studies Institute“), die auch im  Buddhismus und  Hinduismus gebräuchlich sind.

1. Kongkhang (Tantra) Zusammenhänge, Lehre
2. Khangma (Yantra) Mandalas, Thankas etc.
3. Mangma (Mantra) gesungene oder rezitierte heilige Texte
4. Lakluma (Mudra) Heilige Inhalte körperlich oder in Handhaltungen ausgedrückt
Mandala für eine schamanische Zeremonie

Zeremonie beim Todesfall

Der Verstorbene wird auf einer aus Bambusstangen zusammengeflochtenen Tragbahre getragen und beigesetzt. Die Kirati benutzen keinen Sarg.
Eine Totenzeremonie wird erst 45 Tage später durchgeführt.
Ein Schamane (Naksung) ruft die Seele des Toten auf und er gibt der toten Seele die richtige Richtung an,  wie sie die Welt der Lebenden zu verlassen hat, damit sie sich nicht verirrt.
Wenn sich die Seele des Toten verirrt, insbesondere von Selbstmördern, plötzlich Verstorbenen, Ermordeten oder Kindern, die nicht wahrnehmen konnten, dass sie starben, kann das unheilbringende Konsequenzen verursachen. Diese Seelen werden als Bhuta in der Nähe der Lebenden weiter existieren und leider sehr negativ und rastlos auf diese einwirken.

Es wird dabei unter anderem Beifuß (Thombi in  Kirati Sprache) als reinigendes Räucherwerk verbrannt.
Die Zeremonie für den Toten (Mamang) heißt Thomma, wobei die Seele des Toten und auch die Seelen der Ahnen angesprochen, gerufen werden.

Opferschale für eine schamanische Zeremonie
Bei der Zeremonie werden in Bananenblätter ein Handvoll Reis, etwas Geld, Alkohol und bobkha (gesegnetes Reisgebäck) eingewickelt.
Der Schamane bittet seinen persönlichen Ahnengeist, um ihn bei der Arbeit zu helfen, der Totengeist die richtige Richtung zu weisen. Weitere Natur-Geistwesen werden eingeladen, die auf dem Weg der Seele behilflich sein sollen.
Solche Eingeladenen sind das u.a. das Götterpaar: die weibliche Koklihangma (oder Jungali) und der männliche Apturihang (oder Shikari).
Der Schaman ruft den Ahnengeist des Verstorbenen ebenso herbei.
Dieser und der Schamane befragen die Seele des Verstorbenen, wo sie selbst hingehen möchte, ob sie in Frieden ins Licht gehen oder im Dorf bleiben mag. Wenn die Totenseele die Möglichkeit wählt zu bleiben und zu Bhuta werden, trommelt der Schamane plötzlich viel lauter und bittet weitere mächtige Wesenheiten, um die Totenseele in die richtige Richtung, in den Frieden und ins Licht zu bewegen. Diese weiteren Wesenheiten können der Greifvogel Garuda oder Schlangenwesen (Nagas) sein. 
Garuda Maske, Holzschnitzerei

Der Schamane entscheidet, wann die Zeremonie aufhört, nämlich, wenn er in Trance erfährt oder sieht, dass die Seele - tatsächlich überzeugt vom richtigen Weg - die Umgebung verlässt.
Der Gott des Todes heißt Khamarahang  (Yamaraj).

Ein Kirati Gebet für die Heilung

Von Mohan Rai

Sarima ó Mang Butmá

Oda ailona
Sumnima Paruhang                  shewa shewa
Ninamma                                  shewa shewa
Henkhamma                              shewa shewa
Digdamma                                shewa shewa
Mangchhamma, Samkhamma   shewa shewa
Ninam ó Ladipma                     shewa shewa
Jharak sakki, khoklipakli          shewa shewa
Chhokkuma Khidima                shewa shewa
Honkusompo, Honkusommo     shewa shewa
Ai oda anka sarisengma yolina
Aidanka chhunku chhung liné kia
oko   (Männername) sawachha
(oder)
oko (Frauenname) chhekuma
Sawapawanin, Bala pawanin,
Lawa mondhané, saya pepminné
ROGO ROGO ROGO
Bala bala - bala bala - bala bala
Chhu, chhu, chhu

Einige Erklärungen zum Text:
Sarima ó Mang Butmá = Rufen die Geister für die Heilung der Krankheit
Ninamma = obere schamanische Welt
Henkhamma = mittlere schamanische Welt
Digdamma = untere schamanische Welt
Shewa shewa = höfliche Begrüßung
Khoklipakli = die Welt der Pflanzen
Yolina= Heilung
Aidanka= heute
Chu – chu –chu rezitiert man für die drei Welten.
video

Mundhum Schutzmantra


Oda
Sumnima Paruhang
Ninamma
Henkhamma
Digdamma
Bala bala bala bala bala bala
Rogo rogo rogo

Der Text ist eine Aufrufung der Kräfte aus der schamanischen oberen, mittleren und unteren Welt. Dieses Mantra wird häufig rezitiert.
Das Foto zeigt eine schamanische Trommel oder Dhyangro, die aus drei Teilen besteht:
Der Trommelkörper steht für die schamanische obere Welt, die Mitte des Griffs steht für die mittlere Welt und die spitze des Griffs steht für die untere Welt. 
Für die Trommel wird Affen- oder Ziegenhaut verwendet, die Holzteile werden aus Kastanienbaum geschnitzt. Der Griff ist gleichzeitig ein Phurba oder Donnerkeil.
Schamanische Trommel

Kuladeva und andere Geister


Kuladeva sind die Ahnengeister, die von Familienangehörigen oder Schamanen angebetet und aufgerufen werden, um sie zu ehren oder um sie um Kraft zu bitten.
Die Ahnen Kokuni (Oma), Sakuche (Opa) Depache (Uropa) werden bei den Kirati oft erwähnt und verehrt.
Mohan Rai erklärte mir, dass Brahma in der Kirati Sprache Paparabu und Lakshmi Mamachunubungma genannt wird. Mang bedeutet Gott. Shivas Gefährtin Parvati wird Mangpama genannt. Durga deva wird Chandi genannt.

Mächtige Totengeister sind die Mashans, die Kirati nennen diese Sulawa.
Die bereits erwähnten Bhutas werden auch Kinkimma genannt.
Schmanin Parbati Rai bei der Sammlung von Heilpflanzen

Kirati Feste


Im Mai wird bei Vollmond Sakela Ubhauli gefeiert. Die Buddhisten feiern genau an diesem Tag Buddhas Geburtstag. Dabei werden Geister und göttliche Kräfte in die Berge geschickt. Es wird gesagt, sie hätten sich Ruhezeit verdient. Ihre gute Kraft bleibt bei den Menschen, aber sie selbst können sich bis zum nächsten Fest ausruhen.
Das nächste große Fest ist Sakela Udhauli im Spätherbst. Dabei werden die Götter, Wesenheiten und Geister aus den Bergen wieder zu den Menschen eingeladen. So wird Sumnimas und Paruhangs Kraft wieder aktiviert.

Bei beiden Festen werden ordentlich Reisschnaps und andere Alkoholika ausgeschenkt. Es wird viel gegessen, eine große Feuerstelle errichtet. Die Schamanen trommeln und führen Zeremonien (Pujas) durch und bitten die Geister darum, ihre Opfergaben zu akzeptieren (Reis, Ingwer, Blüten, Alkohol etc.) Selbst in der Hauptstadt Kathmandu bemühen sich die Kirati den beiden Festen beizuwohnen.

Ahnenhaus


Ein Ahnenhaus mit Feuerstelle für die Ahnen sollte nach der Mundhum Tradition an jedem Wohnhaus gebaut werden.    
Die Feuerstelle wird täglich gepflegt und benutzt, um zu den Ahnen zu beten..
        
Es gibt ein Wohnzimmer für die Ahnen, das Mangchhamma genannt wird. Dieses wird immer unter der Decke aus Strohmatte angefertigt.
Wohnzimmer für die Ahnen

Die Feuerstelle für die Ahnen heißt  Samkamma.
Feuerstelle für die Ahnen mit den drei Steinen

Um die Feuerstelle herum werden symbolisch drei große Steine aufgestellt, die jeweils einen Namen und eine spezielle Bedeutung haben:

Stein Nr. 1   Taralung für die weiblichen Ahnen
Stein Nr. 2   Subtulung für die männlichen Ahnen
Stein Nr. 3   Mijalung für die ganze Familie
       
In der Mitte der Feuerstelle  brennt das Feuer, das von Sumnima und Paruhang (oberstem Götterpaar) bewacht wird.

 Im Feuer verbrennt man Himalaya-Kräuter als Räucherwerk (Dhopa) und 
 schenkt den Ahnen Essen und Getränke als Opfergaben.

   

Dienstag, 25. Februar 2014

Changu Narayan



Changu Narayan ist ein Kraftort im Kathmandutal. Ein heiliger Ort, der Gott Vishnu gewidmet ist. Hier findet man den ältesten Hindutempel im Kathmandutal. Changu Narayan ist einer der vier Narayan-Tempeln, die der Herrscher Haridatta Varma im 4. Jahrhundert errichten ließ. Das Wort Narayan bedeutet Gott Vishnu in der Sanskrit Sprache.

Über die Geschichte findet man bei Wikipedia reichliche Informationen. Ich möchte sie in diesem Blog nicht verdoppeln, bei Interesse können Sie einfach dort nachlesen.

Changu Narayan Tempel

In Changu Narayan erlebte ich unglaubliche Gegensätze. Einerseits berührte mich dort bei meinen Besuchen die gelebte und vollkommen verinnerlichte Religion, andererseits sah ich ein zutiefst verdrecktes und stinkendes Dorf. Als wäre im Hinduismus eine gewisse Dynamik feststellbar: Lasse alles so, wie es ist, die Götter wollten das so, du bist nur ein Mensch, also mische dich nicht ein. Putze nicht, ordne nichts.
Und gerade diese fatalistische Einstellung war und ist faszinierend.

Spielen am Tempel

In Europa achten wir auf unsere Kunstgegenstände, niemand darf sie berühren oder beschmutzen. In Changu sah ich Scharen von Kindern, die vor dem Tempel auf uralten bronzenen Elefanten ritten oder für das Räucherwerk und Öllampen hingehängten Ketten als Schaukelanlage benutzten.


Ein kurzes Video von mir über die Tempelanlage befindet sich hier: 

Die Fotos nahm ich 2010 sowohl im Bergdorf als auch in der Tempelanlage oben am Berg auf.
Frauenkreis im Dorf Changu Narayan



Vishnu mit Naga und Garuda
Vishnu auf dem Rücken seines Krafttieres

Bunte Holzschnitzerei

Singharaja und Singharana

Donnerstag, 5. September 2013

Kathmandus Frisöre



In Nord-Kathmandu
In Chetrepati

Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr sitzen die fleißigen Frisöre in Kathmandu auf den offenen Straßen. Sie lassen sich vom Lärm, Staub und Gestank nicht störten. Die Kunden bekommen bei aller Öffentlichkeit ihren Haarschnitt. Manche haben einen winzigen Laden, meistens ohne Türen oder Fenster. In einigen Gegenden mit mehr Tourismus gibt es inzwischen auch kleine Frisörsalons. Ein Haarschnitt kostet in einem Touristen-Frisör-Salon etwa zwei Euro. Auf den Straßen bezahlt man nur einige Cents, allerdings haben diese Cents in nepalesischen Verhältnissen sehr viel Wert.




Alle, die ich fotografieren wollte, haben sich gefreut darüber. Meine Erfahrung ist, dass sich die meisten Fotografierten freuen über unser Interesse.

In Bodhanilkantha


Mittwoch, 4. September 2013

Ein Schamane lernt Deutsch




Myingmar, der Schamane (Foto: Pokorny)

Myingmar war der erste waschechte Schamane, den ich  zu Beginn meiner Lehrgänge im Shamanistic Studies & Research Centre in der Nähe von Kathmandu kennen lernen durfte. Er gehörte dem buddhistischen Volk der Sherpas an und lebte im Osten von Nepal, wo er immer neue und neue Generationen von Schamanen ausbildete.

In Nepal ist die moderne medizinische Versorgung äußerst knapp. Anstelle von Ärzten heilen in den Bergdörfern die Schamanen mit ihren heiligen Gesängen (Mantras) und Zeremonien. Sie nehmen geistigen Kontakt mit verschiedenen Geistern und Wesen  auf, mit deren Hilfe sie auf die Gesundheit der Kranken einwirken wollen.  







Bei einer Zeremonie
Im ersten Moment erscheint die schamanische  Heilungsmethode wie ein "Hokuspokus". Myingmar aber, wenn er im Haus des Shamanic Studies & Research Center schamanisierte, führte uns ausländische Interessierte sehr detalliert in  seine  Methode ein. Mit Hilfe der Übersetzungen des Leiters des Hauses, Mohan Rai, aus der Sherpa Sprache ins Englische verwandelte sich der vermeintliche "Hokuspokus" in eine außergewöhnliche Lehre. 


Myingmar unterrichtete die aus Japan, Österreich, den USA, Deutschland usw. angereisten Gruppenteilnehmer in  heiligen Gesängen, Trommeln auf Dhyangro, Ritualen für  Ahnen- und Wassergeister, schamanischen Reisen, Verehrung der Natur und der Seele aller Lebewesen.

Katalin und Myingmar tanzen im Shivapuri Park
Er war ein außergewöhnlicher Mensch.
Er hatte nie schreiben gelernt, aber sein Geist
war hell. Oft hörte er uns Ausländern zu
und versuchte, uns wenigstens ein bißchen
zu verstehen.
Es gab eine deutsche Redewendung,
die er sehr häufig von uns gehört hatte:
"Ach soooo !". Anscheinend gebrauchten
wir diese Worte  so oft, dass er eines Tages -
er hatte gerade gehört, dass  wir in Europa
nicht die ersten Tropfen unserer Getränke
den Geistern widmen müssen - laut ausrief:
"Ach soooo !"






Er hatte viele Kinder und Enkelkinder, die ihn sehr achteten und liebten. Er pendelte regelmäßig zwischen Kathmandu und seinem Dorf. Manchmal dauerte der Weg mehrere Tage, weil damals noch die maoistischen Rebellen oft den Weg versperrten oder - noch schlimmer - von den Reisenden Schutzgelder abverlangten. Wehe dem, der kein Schutzgeld zahlen konnte! Die Maoisten erschossen damals Menschen an der Stelle. So war Myingmar dauernd in Gefahr. Aber er verdiente in Kathmandu gutes Geld, das er unmittelbar seiner Familie und sogar seinem ganzen Dorf zukommen lassen wollte. Er war der einzige im Dorf, der Geld verdiente.

Mit ihm und der Schamanin Maile Lama durfte ich einige Tage mit schamanischer Arbeit in einer Höhle im Shivapuri Park im Norden von Kathmandu auf etwa 2200 Meter Höhe verbringen. Mit uns stiegen  noch einige weitere Mitglieder unserer ausländischen Gruppe die steilen Wege hinauf. Oben angekommen lehrte uns Myingmar heilige Mantras, eine Heilungszeremonie für Schmerzzustände und eine besondere Meditation, die in der völligen Dunkelheit ausgeübt werden sollte.

Nachts durften wir die Höhle nicht verlassen, da in der Nähe hungrige Leoparden lauerten, die einige Tage zuvor eine französische Journalistin in Teile gerissen hatten.
Ein kleines, in einer Ecke der Höhle in die Felswand geschlagenes Loch diente als Abort. Wenn wir in der stillen Dunkelheit meditierten, hörten wir die Tausendfüßler und andere Insekten herumkriechen. Wie gut, dass ich erst später erfuhr, dass einige dieser Tiere wirklich giftig waren. Ansonsten hätte ich wohl vor lauter Angst kein Auge schließen können.

Versorgt wurden wir dort aus der Klosterküche der Nagi Gompa, eines buddhistischen Klosters. Wir erhielten täglich eine warme Mahlzeit und reichlich Tee. Mit Händen und Füßen machten wir Myingmar verständlich, dass wir in Europa täglich drei Mahlzeiten zu uns nehmen. Er war überrascht und sagte erneut : " Ach soooo !", wobei er - wie so oft - freundlich und herzhaft lachte.

 Trommel im Gebetsraum des Klosters Nagi Gompa


Gleichwohl war er nicht nur ein Engel. Wie fast alle Männer in Nepal, hatte er die unangenehme Gewohnheit, häufig zu spucken. In der Höhle gab es deshalb zahlreiche feuchte Flecken am Boden. Als ihn  die Schamanin Maile deswegen tadelte,  verstand er zwar nicht, weshalb er nicht mehr herumspucken dürfen sollte, spuckte aber von da an nur noch über die Mauer vor der Höhle in die Tiefe.



Auf Mailes Bitte, die Flecken vom Boden aufzuwischen, antwortete er kurz angebunden, das sei doch keine Arbeit für Männer.



Myingmar in seinem Dorf (Aufnahme: Pokorny)
Ungeachtet dessen war er ein liebenswerter Mensch. Wir alle schlossen ihn ins Herz. Einmal, als er mit mir tanzte und dabei ein heiteres Volkslied sang, schenkte ich ihm ein kleines Fläschchen ungarischen Schnaps, den er auf der Stelle restlos austrank.

Er war stets herzlich, dennoch streng und ernst. Kurze Zeit später starb er durch einen "Schamanenunfall". Aus seiner Umgebung hörte ich,  er habe mit einem mächtigen Naturgeist um einen Kranken gefeilscht und der Geist habe von ihm  Opfergaben verlangt. Angeblich habe er versäumt, die Opfergaben rechtzeitig darzubieten. Deshalb habe  Myingmar zur Strafe sterben müssen. 



Wir in Europa würden sagen, er fiel einem Hirnschlag zum Opfer. Auf einem Felsen in den Bergen brach er zusammen. Im Alter von nur 60 Jahren nahm er Abschied vom Leben.


Sonntag, 5. Mai 2013

Persönliches Glück im Bön-Kloster


Was ist Bön?

Der Bön ist eine der ältesten Religionen. Jahrtausende älter als der Buddhismus oder das Christentum. Er stammt ursprünglich aus Zentralasien und ist mit dem dort praktizierten Schamanismus verwandt. In seinem Glauben wohnt allen Naturphänomenen ein immanenter Geist inne, der jeweils eine bestimmte Kraft oder Macht verkörpert. In seinem Ursprung war der Bön eine animistische Religion. Heilungen, Gebete und Wahrsagungen standen im Mittelpunkt der täglichen religiösen Praxis.
Wie bei anderen animistischen Religionen, waren die Rituale des Bön vielfältig. Diese Vielfalt ist noch heute in den schamanischen Zeremonien des Himalaja lebendig.

Der Bön war die ursprüngliche Religion Tibets, bis ihn im 8. Jahrhundert der Buddhismus verdrängte. In dieser Zeit sammelte der große Bön-Lehrer Tapiritsa mündlich überlieferte, alte Lehren, die er niederschrieb, um sie für künftige Generationen zu bewahren. Heute gibt es nur noch wenige Bön-Klöster in Tibet und in Nepal. 
 
Triten Norbutse Kloster

Inzwischen hat sich der Bön gründlich verändert. Er wurde dem Buddhismus immer ähnlicher. Die Unterschiede zwischen den Erscheinungen und Traditionen des Bön und des Buddhismus fallen inzwischen kaum mehr auf.
Äußerlich erkennen wir die Bönpos (Mönche des Bön) daran, dass in ihrer Kleidung die Farbe blau vertreten ist, z.B. im oberen Teil ihrer Mützen.
Anders als die Buddhisten, umranden sie heilige Monumente entgegen dem Uhrzeigersinn.
Ähnlich wie in buddhistischen Klöstern hängen auch in den Klöstern des Bön Thankas (Rollbilder) an den Wänden, ihre Ikonographie ist jedoch verschieden. 


Zum Panoptikum ihrer Göttlichkeiten gehören u.a. der Gründer der Bön-Religion Tönpa Shenrab Miwoche, der Urbuddha Kuntu Zangpo (sanskrit: Samantabhadra), die Schöpfergottheit Sangpo Bumtri, die Gottheit des Mitgefühls Shenla Okar und Jamma (Chamma), die liebende Mutter aller Buddhas.

Shenrab Miwoche
Chamma



Seit 1988 ist der Bön inzwischen auch von S.H. Dalai Lama anerkannt. In der Tibetischen Exilregierung gibt es - neben den Vertretern anderer buddhistischen Schulrichtungen (Nyingma, Gelug, Kagyü oder Sakya) - sogar zwei Vertreter des Bön.



Mein Besuch und Glück im Bön-Kloster in Kathmandu

Während meiner Aufenthalte in Kathmandu besuchte ich zweimal das im Stadtteil Ichangu in der Nähe des berühmten buddistischen Stupa Swayambunath gelegene Bön-Klostert Triten Norbutse Institut.

Junge Bön-Mönche - gar nicht so verlegen

Als ich dort ankam, wollte ich eigentlich „nur“ mit Gelehrten über meine These sprechen, dass auch meine aus Asien stammenden ungarischen Landsleute möglicherweise eine Art des Bön als Urreligion praktizierten. So gibt es etwa in der ungarischen Sprache das Wort „bűn“. Es bedeutet „Sünde“ und ist vermutlich auf das Wort „Bön“ zurückzuführen. Als die christliche Religion in Ungarn an Macht gewann, durfte die Bön-Tradition nicht mehr praktiziert werden. Deshalb wurde alles, was aus der alten Bön-Religion herrührte zu „bűn“, also zur „Sünde“.

Ich wurde zu einem Bönpo Lehrer geführt, der Englisch sprach und meine These über den Zusammenhang zwischen den Wörtern „Bön“ und „bűn“ schlüssig fand. Anschließend zeigte er mir im Hauptkloster viele Rollbilder (Thankas), wie sie uns aus buddhistischen Klöstern in dieser Form nicht bekannt sind. 

Mein Klosterführer
Shanla Okar - Wandbild



























Ich durfte mich glücklich schätzen, denn er lud mich gleich für den nächsten Tag zu einer „Einweihung in den Medizinbuddha“ ein.

Die „Einweihung“ war ein großes Fest mit Hunderten geladenen Gästen aus der Umgebung: Familien der Bön-Mönche, Gelehrten, Bekannten und einer Handvoll ausländischer Interessenten. Das Schicksal hatte mich gerade an jenem Tag dorthin geschickt. Ich war zutiefst dankbar und glücklich, dass ich einer solch bedeutungsvollen Zeremonie beiwohnen durfte.




Das Fest begann (sehr) früh am Morgen. Alle Mönche und Gäste saßen eng zusammengerückt auf dem (sehr) kalten Boden im Kloster und nahmen an der Zeremonie teil, die vom betagten Gründer und damals obersten Lehrer Yöngdzin Lopön Tenzin Namdak Rinpoche geleitet wurde. Das Thema war der Medizinbuddha, tib. Sangye Menla. 

Yöngdzin Lopön Tenzin Namdak Rinpoche

Innerlich war ich darauf vorbereitet, eine böse Erkältung zu bekommen. In meiner Fantasie malte ich mir bereits Blasen- oder Nierenbeckenentzündung, Husten oder Schnupfen aus. Nichts davon trat ein. Scheinbar hat mich die Energie des Medizinbuddha vor all diesen Krankheiten geschützt.






















Nach der Zeremonie, die beinahe drei Stunden dauerte, wurden alle Teilnehmer einzeln rituell gesegnet und beschenkt. Als Geschenk erhielten wir einen Briefumschlag mit kleinen Medikamenten-Kügelchen in brauner Farbe (sozusagen ein „Pauschalmedikament“) mit einer langen Gebrauchsanweisung, wann, wie und wofür diese Kügelchen eingenommen werden sollten.
Vor einigen Tagen fand ich den Umschlag in einer Schublade wieder. Aus Neugier zerkaute ich eines der Kügelchen. Der Geschmack erinnerte an eine Mischung aus Seife und Erde. 


Gesegnet wurden die Medizin-Kügelchen in den Schalen

Am Ende der Zeremonie sollte man eine Opfergabe in Form von Geld (ebenso in einem Umschlag) und einen weißen Schal vor dem Altar niederlegen. Ich hatte weder einen Schal, noch einen Umschlag dabei, so improvisierte ich, indem ich Geldscheine in einem längs gefalteten Papiertaschentuch vor dem Altar niederlegte. Der Mönch lächelte mich freundlich an. Ich war sicher nicht der erste und auch nicht der letzte „Ausländer“, der mit den Sitten und Gebräuchen nicht vertraut war.


Segnung und Verteilen der Pillen
Opfergabe vor dem Altar


Später wurden auf der inzwischen sonnigen Terrasse des Klosters ein Yak-Fleischgericht und Buttertee gereicht.


Zubereitung des Fleischgerichtes
Klosterküche

Der Buttertee



Dort begegnete ich einem Studenten der tibetischen Sprache aus Spanien und einer auf „spiritueller Reise“ befindliche, blonde Kroatin. Zu Dritt beschlossen wir, noch einige Fotos im Kloster aufzunehmen, wo unzählige traditionelle Bön-Thankas hingen. Leider sind die Aufnahmen nicht besonders geworden - ein Grund, noch einmal hinzufahren …










Er versteckt sich vor der Sonne unter dem Steintisch



Bön-Mönche nach der Zeremonie